Karajan und EMI
Einige der bedeutendsten Zusammenkünfte aus der 110-jährigen Geschichte der EMI wären eine Zierde für jeden Spionagethriller. Man stelle sich vor, wie Fred Gaisberg im April 1902 im dritten Stock des Mailänder Hotel Grande auf den jungen Enrico Caruso wartete. Zwar hatte London gekabelt: „Honorar exorbitant verbiete Ihnen aufzunehmen“ – doch die Aufnahmeausrüstung war ebenso vorhanden wie das Honorar, das Gaisberg von seinem eigenen Konto geholt hatte. Als Gaisbergs Nachfolger Walter Legge an einem kalten Winternachmittag des Januar 1946 in den achten Stock eines ungeheizten, teils zerbombten Wiener Wohnblocks emporstieg, hatte er nichts weiter bei sich als eine Flasche Whisky vom Schwarzmarkt. Als er mit seinem abenteuerlichen Arsenal an Dokumenten und Ausweisen (technisch gesprochen auf „feindlichem Terrain“) ankam, da hatte Legge den Auftrag, für seine Firma einen exklusiven Aufnahmevertrag mit einem jungen Dirigenten zu schließen, der damals in aller Munde war – mit dem 37-jährigen Herbert von Karajan. Die beiden Männer verstanden sich auf Anhieb. Bei der Vertragsunterzeichnung verzichtete Karajan drei Monate später auf eine Kopie: „Brauche ich nicht. Ich kenne Sie jetzt ja.“
Die gemeinsamen Aufnahmen, die Legge und Karajan vom September 1946 bis zum September 1960 zunächst in Wien, dann meist mit Legges Philharmonia Orchestra in London sowie bei etlichen wichtigen Sitzungen in Mailand und Berlin machten – diese Aufnahmen gehören zu den bemerkenswertesten Tonträgerdokumenten überhaupt. Qualität verstand sich von selbst. Beide waren Perfektionisten und gaben sich freiwillig niemals mit dem Zweitbesten zufrieden. Beide verstanden unter „Stil“ das Fehlen jeglicher Vulgarität, und das bedeutete: auf all jene Manierismen oder äußerlichen Ausdrucksgebärden zu verzichten, die auf die Dauer nur ermüden. Karajan hatte sich bereits während seiner Lehrjahre in Ulm, Aachen und Berlin ein großes, allumfassendes Repertoire angeeignet, das in der Oper und der Chormusik wurzelte, indessen es sich weit auf das Gebiet des orchestralen Mainstream und des zeitgenössischen Repertoires erstreckte.
Die frühen Wiener Produktionen entstanden in den letzten Schellacktagen, doch von Anfang an machten Karajan und Legge Aufnahmen, die auch noch nach sechzig Jahren zu uns sprechen. Im Herbst 1947 waren das zwei Ersteinspielungen: Neben einem 78er-Set mit dem kompletten Deutschen Requiem von Johannes Brahms wurde bei denselben Sitzungen, ein typisches Zeichen für Karajans Verständnis, die neue Elegie festgehalten, die Richard Strauss erst kurz zuvor auf eine verlorene Zivilisation geschrieben hatte: die Metamorphosen für 23 Solostreicher. Außerdem kam es zu einer berühmten Aufnahme der neunten Sinfonie von Beethoven.
Keine Frage, dass Karajan schwierige Zeiten miterlebt hat. Er wurde sechs Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Salzburg geboren und starb wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer. Doch er war auch ein glücklicher Mensch. Fünf Jahre nach seinem Vertragsabschluss mit EMI kam die Langspielplatte: „Nachdem man sich erst einmal auf die Form geeinigt hatte“, sagte er, „begannen wir, wie im Rausch aufzunehmen. Es war die zweite, die große Zeit des Grammophons.“
Im August 1951 machte Legge den berühmten Live-Mitschnitt der Meistersinger, die Karajan bei den Bayreuther Festspielen dirigierte. Was zunächst auf 34 Schellackplatten erschien, war der letzte Salut auf das alte Medium. Die erste LP für das EMI-Label Columbia machten Karajan und das Philharmonia Orchestra im November desselben Jahres. Diese enthielt Richard Strauss’ Don Juan und Till Eulenspiegel. Eine weitere LP mit Suiten aus Tschaikowskys Schwanensee und Dornröschen wurde zum Bestseller – wie auch Tschaikowskys vierte und fünfte Sinfonie. Die vier Hornkonzerte, die die zwei Autofans Herbert von Karajan und Dennis Brain einspielten, wurden niemals aus dem Katalog gestrichen. Auch Raritäten gab es: Unter den frühen Philharmonia-Produktionen, die vorteilhaft besprochen wurden, waren Sinfonien von Roussel und Balakirew sowie eine vorzügliche Wiedergabe der Variations on a Theme of Frank Bridge von Benjamin Britten. 1954 arbeitete Karajan mit Kurt Leimer zusammen, um zwei der vier Klavierkonzerte aufzunehmen, die der virtuose Pianist geschrieben hatte (diese sind bislang noch nie außerhalb Deutschlands und der Schweiz veröffentlicht worden).
Da Wilhelm Furtwängler gegen Karajan opponierte, waren diesem zwischen 1949 und dem Tode des älteren Kollegen im Jahre 1954 die Stationen Wien und Salzburg praktisch verschlossen – was für den vielsprachigen und vielseitigen Musiker kein Problem bedeutete: Er fühlte sich im französischen und italienischen Repertoire ebenso zuhause wie in dem eigenen, war ein exzellenter Debussy- und Ravel-Dirigent und erfuhr auch in Italien größte Anerkennung, seit ihn der legendäre Victor de Sabata erstmals eingeladen hatte. Die Musiker des Philharmonia Orchestra waren von dem tiefen Engagement überrascht, mit dem sich Karajan 1954 in London einer Aufnahme mit Opernintermezzi widmete: „Er war völlig ,weg‘. Ich glaube, er hätte es nicht einmal bemerkt, wenn eine Bombe neben ihm hochgegangen wäre“, erinnerte sich der Oboist Sidney Sutcliffe.
Wie alle richtig guten Dirigenten ließ Karajan die sogenannte „leichte“ Musik mit derselben leidenschaftlichen Präzision und mit demselben Stilbewusstsein spielen wie gewichtigeres Repertoire. Seine Philharmonia-Aufnahmen von Offenbach/Rosenthal Gaîté Parisienne, die Bilder einer Ausstellung von Mussorgsky/Ravel, Respighis Pinien von Rom und seine allerletzte Aufnahme mit dem Orchester, das „Philharmonia Promenade Concert“ von 1960, sind Klassiker geworden.
Als zweite Folge der gesammelten EMI-Aufnahmen eine Kollektion aller Opern und Chorwerke herauszubringen, die Karajan eingespielt hat, war ein besonders glücklicher Einfall. Schließlich handelt es sich dabei um die beiden Gebiete des Repertoires, auf denen er sein Handwerk gelernt hatte und die im Zentrum seines dirigentischen Genies standen. Heute verbindet man seinen Namen mit einem „altmodischen“ Bach-Stil; in den fünfziger Jahren jedoch wechselten sich Aufführungen von romantischer Kraft und Tiefe mit solchen ab, in denen er die „historische“ Praxis späterer Zeiten vorwegnahm. „Die wichtigsten Qualitäten in Karajans Lesart sind Leichtigkeit, absolute klangliche Klarheit und ein rhythmischer Elan – samt und sonders Qualitäten, die man bei vielen Aufführungen vermisst“, meinte The Record Guide zu Karajans berühmter EMI-Aufnahme der h-moll-Messe, und Alec Robertson beschrieb die Produktion in The Gramophone als „Meilenstein in der Geschichte der Schallplatte“.
Bezüglich der Opernsets aus den fünfziger Jahren staunt man unaufhörlich über das Niveau der Besetzungen, die feine räumliche Darstellung (selbst bei Mono-Aufnahmen) und das Dirigat. Drei dieser Einspielungen – Così fan tutte, Hänsel und Gretel, Ariadne auf Naxos – sind insofern einmalig, als Karajan sie nie wieder aufgenommen und späterhin auch nicht mehr im Opernhaus aufgeführt hat. Die Fledermaus, Falstaff und Der Rosenkavalier wurden zwar neu produziert, doch die Aufnahmen von 1955/56 sind unübertroffen. Legges „Kompanie“ von Sänger-Schauspielern war seinerzeit einzigartig. Dazu gehörten Tito Gobbi, Christa Ludwig, Rolando Panerai, Elisabeth Schwarzkopf, Irmgard Seefried, Giuseppe di Stefano und natürlich Maria Callas, mit der Karajan die berühmten Aufnahmen des Trovatore und der Madama Butterfly sowie den legendären Live-Mitschnitt der Lucia di Lammermoor gemacht hat.
Als Karajan dann zwischen 1969 und 1984 zum zweiten Male mit EMI zusammenarbeitete, verband er seine Opernaufnahmen mit Produktionen der Salzburger Osterfestspiele, die er 1967 gegründet hatte. Dazu gehören Otello und Tristan und Isolde mit Jon Vickers, ferner zwei Produktionen, von denen Leonard Bernstein später sagte, sie seien „der beste Don Carlo und die beste Salome, die ich je gehört habe“ – und dazu eine denkwürdige, bis heute unterschätzte Aida mit Mirella Freni und José Carreras. Den Bayreuther Live-Mitschnitt der Meistersinger von 1951 ergänzte der goldene Ton der 1970 in Dresden entstandenen Studioaufnahme, und in Berlin wurde 1978 endlich eine Oper aufgenommen, die Karajan seit Jahrzehnten beschäftigte – Debussys Pelléas et Mélisand.
Auch die Musik von Bruckner und Sibelius spielte in diesen Jahren eine große Rolle. Wer immer den „wirklichen“ Karajan sucht: den Mann der Berge, den geduldigen, weitsichtigen Einzelgänger, der er von Natur aus war und der sich so deutlich von dem geistreichen Profi unterschied, der eine erstaunliche Menge an Musik erstaunlich gut dirigieren konnte – diesen „wirklichen“ Karajan wird er finden, wenn er dessen Umgang mit den beiden genannten Komponisten betrachtet. Dass die beiden nach dem Krieg nicht besonders en vogue waren, hat Karajan nie gestört, so sehr war er mit Musik beschäftigt, die sich über Zeit und Moden erhob. Seine frühen Philharmonia-Aufnahmen der vierten und fünften Sinfonie von Sibelius hat der Meister selbst noch sehr bewundert. Es gab in der Zeit nach dem Krieg kaum einen, der die beiden Komponisten besser interpretiert hätte.
Richard Strauss hat bekanntlich Mozart verehrt. Karajan verehrte sie beide: Strauss als Komponisten und Dirigenten, Mozart als Salzburger und Universalgenie. Die meisten Dirigenten haben einen Mozart-Stil; Karajan hatte deren ein halbes Dutzend. Die Urbanität seiner Così fan tutte von 1953 und seiner 1960 in Berlin entstandenen Einspielung der Sinfonie Nr. 29 steht in einem interessanten Gegensatz zu der körpervollen Majestät der Aufnahmen, die er 1970 in Berlin von den letzten sechs Sinfonien machte – ein weithin anerkanntes Set, das eine der seltenen Gelegenheiten bot, Karajan bei der Probe zu belauschen. Zum andern verging kein Jahr, in dem er sich nicht mit der Musik von Richard Strauss auseinandergesetzt hätte. 1973 nahm er die selten gespielte Symphonia domestica in sein Repertoire auf; zwei Jahre später machte er seine zweite Aufnahme von Don Quixote, den er von allen Strauss’schen Tondichtungen am meisten schätzte.
Die beiden letzten Jahrzehnte in Karajans Leben spielten sich zwischen zwei tiefen Einschnitten ab: Auf der einen Seite das schwere Rückenleiden, vor dessen tödlichen Folgen ihn 1975 nur eine Operation retten konnte, nach der er mit neuer Hingabe und Intensität weiterarbeitete, auf der andern die Auseinandersetzungen mit den Berliner Philharmonikern, die begannen, als sich das Jubiläumsjahr des Orchesters (1982) seinem Ende zuneigte. Davon hat sich Karajan nie wieder richtig erholt. Seine letzte Aufnahme machte er 1984 mit den Wiener Philharmonikern, zu denen die alte Liebe neu entbrannt war: Die vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi mit Anne-Sophie Mutter.
RICHARD OSBORNE
Übersetzung: Eckhardt van den Hoogen